denken

DENKEN am Kriegerdenkmal Wilhelmsburg

Das umstrittene Kriegerdenkmal in Wilhelmsburg – eine künstlerisch-kritische Intervention

Zusammenarbeit mit Reto Buser

Abstract
Wir wollen nichts Monumentales errichten, nichts aufrichten, das einzelne Menschen klein macht – uns nicht der Rhetorik und Formensprache der Vergangenheit bedienen.
Unsere Intervention soll die Umgebung aktivieren die Gemeinschaft involvieren
und zum Denken animieren
Subtile Interventionen werden wie Störer:innen in der Umgebung des Kriegerdenkmals ein- gestreut. Dadurch entsteht ein Ort offener Fragen, ein Platz für Gedanken. Taktile und visuelle Sinneseindrücke bringen die Gedanken ins Rollen, ins Straucheln, verunsichern und stossen an. Dabei entschleunigt sich die Fortbewegung und es entsteht Zeit und Raum für Gespräche und Begegnungen.

Arbeitsvorhaben
Was setzt man einem Monument entgegen, das in seiner ganzen Erscheinung mit einer Sprache aus der Vergangenheit spricht, die wir schon einmal für entlarvt hielten? Rechtspopulismus, Polarisierung und Krieg – wieviel können wir aus der Geschichte wirklich lernen?
Ein erster Impuls, das Überwachsen lassen, das Abbauen, das Zubauen oder auch das Angreifen des Kriegerdenkmals, erwiesen sich schnell als zu ähnlich in der Geste des Kriegerdenkmals selbst.

Wir möchten nicht etwas errichten, das auf die Menschen herabschaut und Ewigkeit suggeriert und dabei diktiert was wir zu tun oder zu denken haben.
Wir möchten zum selber denken anregen – eine wichtige Fähigkeit der politischen Bildung und Grundlage für demokratische Grundwerte. Unsere Interventionen sind subtil und schaffen die Voraussetzungen dafür: Entschleunigung, Irritation, Denkanstösse. Durch eine Interaktion von unterschiedlichen Interventionen wird die Umgebung um das Kriegerdenkmal zu einem Platz aktiviert. Die so von uns vorgeschlagene Struktur beinhaltet auch partizipative Elemente, die wir gemeinsam mit Interessent:innen aus Wilhelmsburg und lokalen Gruppierungen ausarbeiten möchten. Über den Ort hinaus gehört auch ein Social Media Channel zu dieser Plattform, der über Ereignisse rund um Denken (Arbeitstitel) berichtet.

Hier nun eine detaillierte Beschreibung zu unserem Vorhaben, das in folgende drei Interventionen gegliedert ist:

  • Grasnarbe und Achsendrehung

  • Schriftzug des Verb denken und seiner Präfixe
  • Lehrgarten: Mischkultur und Fruchtfolge

Grasnarbe und Achsendrehung:
Von 1936 bis 1938 schaute Hans Leipelt von seinem Wohnhaus auf das Kriegerdenkmal. Was hat das wohl für einen Eindruck hinterlassen? Diese räumliche Beziehung möchten wir mit einer Grasnarbe verdeutlichen, die das Kriegerdenkmal mit den Stolpersteinen von Hans Leipelt, Mitglied der Widerstandsgruppe “Weisse Rose”, und zwei weiteren Familienangehörigen ver- bindet. Ein immergrüner Kunstrasen-Streifen verbindet die beiden Gedenkorte und erinnert die Verkehrsteilnehmer:innen bei der Überquerung sinnlich an den Zusammenhang. Mit der Zeit wird Gras drüber wachsen, diese Narbe wird dabei aber nicht verschwinden.
Als weitere Maßnahme soll das Kriegerdenkmal um ca. 90 Grad gedreht werden, so dass es – als Stellvertreter:in des Nationalsozialismus – drei seiner Opfer direkt anschaut. Dabei entschärft sich auch die Achse Mannesallee – Kriegerdenkmal – Kirche ein wenig, und eine neue Beziehung wird hervorgehoben: der Macht wird Widerstand entgegengesetzt.

Schrift am Boden – Das Verb denken und seine Präfixe:
Das Verb denken und seine Prä xe soll hier Hilfestellung leisten um einen persönlichen Zugang zum komplexen Themenkreis der Erinnerungskultur zu erleichtern und um sich schließlich eine eigene Meinung zu bilden. Gleichzeitig verweisen die Prä xe auf Struktur und Baukastensystem der (deutschen) Sprache, und wie selbstverständlich wir mit zusammengesetzten Wörtern täglich umgehen wird uns erst beim Trennen wieder bewusst. So merken wir auch nicht wie sich Sprache und Wörter stets verändern, bis ganz plötzlich “querdenken” nicht mehr erstrebenswert ist. Die Sprache selbst ist ebenfalls fragil und selber Kräften von Konservierung und Erneuerung ausgesetzt.
Die Wörter werden mit farbigem Kunststoffbelag in die Gehwege und in die Straße eingelassen, so dass sie lesbar aber auch beim Begehen und Befahren spürbar sind. Durch diese taktile Erfahrung werden weitere Sinne einbezogen und die Fortbewegung entschleunigt. Es soll ein Ort entstehen, der mit einfachen Mitteln der Sprache zum Überlegen anregen soll.

Lehrgarten: Mischkultur und Fruchtfolge
Die Bepflanzen rund um das Kriegerdenkmal soll nichts Beschönigendes haben. Es sollen keine Blumen oder Kränze nur für Soldaten niedergelegt werden. Die Fläche soll der lokalen Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden für eine gemeinschaftliche Bewirtschaftung im Sinne von community gardening. Vielleicht als symbolische und pädagogische Geste unter Einbezug der umliegenden Kita, um bei Gartenarbeiten für Konzepte wie Nährstoffkreisläufe, Fruchtwechsel aber auch Monokulturen und der subjektiven Unterscheidung zwischen Kraut und Unkraut spielerisch zu sensibilisieren. Eine Kooperation mit der Kita Emmaus ist dabei sehr erwünscht und ein erster Kontakt hat bereits stattgefunden. Gemeinsame Workshops oder Gartenplanung wären denkbar, vielleicht entwickelt sich daraus aber auch eine jährlich gemeinsam zubereitete Mahlzeit als Akt der Ritualisierung, wie es für die Erinnerungskultur wesentlich ist, und könnte so die umliegende Bevölkerung mit einbeziehen.

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